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Reihern auf See, brotlose Kunst. Wer knetet da an meinen Eingeweiden? Hinfort, Daimon! Ich fasele vor mich hin. Versuche auf die Insel zu starren, du Wurm, das
waldige Korfu in der Ferne steht fest, schawapp. Nützt nix. Seemänner, das wird jedermann leicht einsehen, sind stolze Menschen. Nichts Erhabeneres gibt es, als mit
der Kraft des Windes über die Hügel der See zu reiten. Leider auch nichts Gemeineres, als sich in herrlicher Landschaft die Seele aus dem Leib zu kotzen. Hart ist es,
kein Seemann zu sein. Doch irgendwann, am Ende aller Tage, flaut der Wind ab. Ruhe kehrt ein, in das Schiff, in den Magen. Wie eine riesenhafte Schildkröte kriecht
Paxos heran, wir ankern im Becken vor Laka. Tuckern mit unserem röhrenden Zweitakter hinüber zur Mole, wo Tsatsiki und der feste Boden weißer Gassen warten.
Nachts tasten wir uns zurück, dunkel der Himmel, dunkel das Wasser, funzlig unsere Lampe, schlängeln uns durch ein Dutzend schlafender Yachten. Es ist wie eine
Geisterfahrt durch die Unterwelt. Logbuch. 1. Tag auf See, Paxos. Erste Feindfahrt überstanden. Übelkeit bröckelt. Mag mit niemandem reden, Worte schmecken
nicht. Die Sterne funkeln ein bisschen übertrieben vor sich hin. Wer hat gesagt, das Ionische Meer vor Korfu sei ein läppisches Revier, gerade gut für Anfänger? Der
Meltemi bläst, als wolle er uns zeigen, was er kann. Aus Starkwinddüsen fegt sein Schwall über das Wasser, rupft weiße Fahnen aus den Wellen. Wir sausen dahin mit
sieben Knoten. Sieben! Ich finde das viel. Unsere „Aphrodite“ kann nicht kippen, sagen ein paar, die schon mal gesegelt sind. Hat unten am Kiel eine Ballastbombe
hängen. Ballastbombe? Heißt wirklich so. Krängen sei das Prinzip des Segelns: Wind drückt auf Tuch, Tuch zerrt an Boot, Boot ächzt unter der Last, neigt sich zur
Seite und weicht nach vorne aus. Muss Krängen sein? Muss sein. Aber mehr Krängung bedeutet mehr Widerstand, das bremst die Fahrt. Bei so starkem Wind setzen
wir wenig Segel. Das nehme ich einfach mal so hin. Seemänner verfolgen die Wolken mit finsteren Blicken, als könnten sie die Winde mit dem Willen bezwingen.
Natürlich können sie das nicht, aber so tun als ob, ist schon mal nicht schlecht. Erst recht auf einem Boot voller Anfänger, die vor lauter Schnüren kein Deck sehen.
Denn wir sind Mitsegler und als solche arme Schweine: Mitsegler mieten sich für ihren Urlaub eine winzige Koje und liefern sich dann auf dem mindestens einwöchigen
Törn der Willkür und den Witzen eines mysteriösen Individuums aus, das im Katalog Skipper hieß und hier an Bord Dirk, Nachname
Henke. Wer im Internet nach Mitsegel-Törns sucht, kommt an seiner Agentur nicht vorbei. Irgendwann werden wir erfahren, dass dieser seltsame Vogel auch Inhaber einer
Anwaltskanzlei ist. Halten das erst mal für Seemansgarn. Logbuch. 2. Tag auf See. Wir ankern in einer Bucht vor dem Festland. Der Vollmond wirft Silber übers Meer.
Habe These entwickelt: Segeln zerstört das Denken. Dirks Geschichten schlagen jäh um wie ein launischer Wind, werden von den wilden Böen seiner Gedanken
weggetrieben, und dann kreuzt er hin und her, ohne der Pointe näher zu kommen. Das als Jurist! Ist trotzdem puppenlustig, wie er sagen würde. Wir trafen uns in Guvia,
einem gesichtlosen Hafen in Korfu. Acht Mann Besatzung und der Kapitän. Fünf Jungs, vier Mädels zwischen geschätzten 23 und gefühlten 35, Computerspezialisten
und Bankkaufleute und Hotelfachfrauen und Musikpromoter und so weiter. Wie man halt so sein Leben verbringen kann in Deutschland, wenn man nicht gerade segelt.
Unser Boot dümpelte friedlich an der Mole herum. Eine Bavaria 42, wem das was sagt. Hat ein Kühlfach ohne Abfluss. Fehlkonstruktion. Das Kühlfach, nicht die
ganze Yacht. Die schien mir ziemlich schwimmfähig zu sein, aber so ein Mitsegler ist auch leicht zu beeindrucken. Wir bunkerten Wagenladungen Kekse, Bier, Nudeln,
stopften Graubrot in unergründliche Hohlräume, einen halben griechischen Supermarkt. Wenn wir untergehen sollten, würden wir vorher nicht verhungert sein. Um die
Hitze zu mildern, lenkte Henke erst mal ab. Erzählte von Willi, dem Scheißetaucher, der unter sein Boot schwamm, um die Leitung eines verstopften Klos anzubohren,
was ihm auch mit großem Erfolg gelang. Von seinem Kumpel Opi, der älter aussieht als sein eigener Großvater und immer beste Fahrt macht – ohne darauf zu achten,
wohin er segelt. Von dem sturzbetrunkenen Wiehießernoch, der ouzoumrauscht von der Planke fiel, ouzoumrauscht aus dem Wasser gefischt wurde und weitersoff bis
in den Morgen. Das waren Dirks Geschichten zum Warmwerden in der ersten halben Stunde - kann keiner sagen, er habe es nicht kommen sehen -, und wir saßen bei
hundert Grad Hitze auf den Pollern an der Mole, strichen uns den Schweiß aus den Brauen und dachten an nichts als ein kühles Bier. Logbuch, 3. Tag auf See. Mittags.
Mein Magen fühlt sich an wie mit Eisen ausgegossen. Fühle mich sehr seemännisch. Segeln ist wie Fliegen. Nur fiele man nicht so tief, spränge man von Bord. Wir
ankern in der Karibikbucht im Norden von Antipaxos. Weiß kein Mensch, warum die so heißt. Das Wasser jedenfalls lächerlich klar und türkisfarben. Allgemeines
Herumpaddeln. Ich döse an Land. An Bord beginnt sich das Menschliche einzupendeln, wie man es kennt. Seine Rolle findet jeder schnell, es ist wie im Leben. Eine
macht den Smutje. Im Zweifel das Genie, das im randvoll gestopften Kühlfach mehr entdeckt als nur Tausende Dosen Mythos-Bier. Bald findet sich ein
schabernackiger Klabautermann, in diesem Fall ein besonders hochbeiniger, rothäutiger, bleichgesichtiger. Ein Mitsegler wird Navigator, liegt, so oft es geht, konzentriert
auf Deck, um die Sonne nicht aus den Augen zu lassen. Natürlich gibt es eine Schiffskatze, die macht, was sie will, und trotzdem von allen gemocht wird. Aber auch
einen ehrgeizigen 1. Offizier, der die schwachherzige Restcrew zu Ruhmestaten treiben möchte. Dann noch den Fernmelder, der vorzugsweise schreibt, wenn andere
schuften. Der Skipper ist auch Menschen- und Meereskundler, dazu Wettermann, Hobbyfunker und ganz schön trinkfest. Wenn er die Oberlippe über die Unterlippe
stülpt, wird er zu General Henke, ernsthaft, präzise, humorlos. Segeln ist kein Kinderkram, kann so viel schiefgehen, solche Sachen brummt er dann. Aber wenn er die
Unterlippe vorschiebt, wird er zu Duffy Dirk, und das macht er meistens. Am Nachmittag wedelt eine Brise heran. Zeit für einen Übungstörn: wenden, wenden,
wenden. Machen auch Regattacrews, behauptet Dirk. Klar zur Wende! Klar! Re! Das brüllen wir, das können wir schon. Die Befehle sitzen, jeder weiß, an welcher
Strippe er zu ziehen hat. Bei sanftem Wind und schwacher Dünung und offener See und keinem anderen Boot in Sichtweite wirkt es nach drei Tagen tatsächlich so, als
könnte diese Besatzung segeln. Längst hat sich für mich das Geflecht der Schnüre so weit entwirrt, dass ich glaube zu wissen, an welchem Seil ich ziehen müsste, um
uns in ordentliche Schwierigkeiten zu bringen. Aber am liebsten stelle ich mich ans Ruder. Wenn man kreuzt, ist es eine Kunst, hart am Wind zu fahren, gerade so, dass
das Segel nicht killt, wie wir Segler sagen. Flattert. Das ist manchmal Milimeterarbeit, manchmal muss sich mit einem Bein gegen die Seitenwand stemmen und mit aller
Kraft am Ruder kurbeln, und dann fühlt man sich sehr romantisch. Wir kacheln zum Festland hinüber, nach Parga, die Lappen voll draußen, die Gischt spritzt uns ins
Gesicht. Ein anderes Boot schiebt sich langsam heran, kaum hundert Faden entfernt – sagt man so? Der Skipper drüben steht da wie eine Statue. Sieht so siegessicher
aus wie die ganze Yacht. Wir ackern, reffen, trimmen, was man als Crew so machen kann. Aber Länge läuft, und Geld läuft auch. Unsere Charterkahn kann da nicht
mit. Dirk mümmelt, kneift die Augen zusammen, brümmelt säuerlich vor sich hin. Der andere zieht locker an uns vorbei. Nur nicht rübergucken, sagt Dirk, so tun, als
ginge einen das nichts an, und das klappt bei allen auf Anhieb gut. Ich arbeite mich nach vorne, klettere auf das Brett an der Spitze des Bugs, stelle die Füße auf den
Anker. Sitze einfach nur so da. Es ist der schönste Platz auf diesem Boot, und vielleicht der schönste Platz auf der Welt. Man fliegt über das Meer wie ein Vogel, zwei
Meter über dem Wasser, ganz schwach dringen die Stimmen der anderen nach vorne, das Wasser gluckst am Rumpf, der Wind fächelt einen warmen Hauch heran. Es
ist einer dieser Plätze, wo man vor Sorglosigkeit anfangen muss zu singen, auch wenn man sonst nie singt, nicht mal unter der Dusche. Hier muss man es. Als löse sich
tief drinnen ein Anker. Dann schlägt der Wind jäh um, das Boot bockt wie ein Wildpferd, ich stolpere nach hinten, alle fummeln bereits emsig in der Gegend herum. Der
General brüllt knappe Befehle, jeder Handgriff müsste sitzen, und natürlich sitzt kein einziger. Das Segel flattert uns um die Ohren, wie von Teufelchen gezaust.
Mannmannmann, kriegen wir eins übergebraten, flucht Dirk. Segler sind Könige ihrer selbst, aber Knechte der Natur. Wir schaffen es nach Gaios auf Paxos, machen in
einer Art Canale Grande fest. Neben uns spreizt sich ein Speedboat namens Pershing 54, mit durchgeknallt grinsenden Gigolos drauf, die Campari schlürfen und Frauen
begaffen. Eine Motoryacht; Dirk sagt, dass Segler auf so etwas nur schössen, und wir wünschen uns, jemand hätte eine Knarre dabei. Er fährt sich durch die Haare, die
vom Salz gestärkt sind und vom Wind geformt. Seine Frisur sieht nun aus wie ein Wischmop. Ein paar unserer Mädels zwinkern den Goldkettenträgern zu. Sieht schwer
nach Meuterei aus. Der Tag verglimmt. Träge sickert die Sonne ins Wasser. Rot lecken ihre letzten Strahlen über die Wolken, Kühle weht heran, während das Meer
finster hinaus in die Dunkelheit schwimmt. In der Taverne unter den Sternen gibt es Moussaka, schweren roten Wein und gute Gespräche. In der Nacht knattern
Vespas über die Ufergasse. Logbuch, 4. Tag auf See, später Vormittag. Wind: still. Dafür unaufhörliches Blabla zum Blubb-Blubb der Wellen. Die Themen mäandern
so vor sich hin. Zeit haben ist manchmal ein Fluch. Frag einen Drehbuchautoren: Wie entsteht Spannung? Und er wird antworten: Wirf möglichst schrullige Charaktere
in einen Schmelztiegel und lehn Dich zurück. Pack sie an einen Ort, sagt er, von dem keiner entkommen kann. Zum Beispiel ein Segelboot? 14 Meter lang, fünf Meter
breit, darauf neun Menschen, die sich nicht kennen, sieben Tage eingepfercht auf See? Perfekt, wird er sagen, und in die Hände klatschen. Flaute. Flaute. Flaute. Das
Segel hängt schlaff da. Hitze wirft sich mit brennenden Klauen auf uns, die Luft wird zäh wie geschmolzenes Zinn. Salz klebt in dicken Schichten auf dem Holz, nagt am
Anker, brennt in den Augen. Sind die Rossbreiten so schrecklich? Auf einem Segelboot ist nicht viel Platz. Man sitzt verdammt unbequem. Wohin mit den Füßen?
Wohin mit den Beinen? Den Ellenbogen? Das sind so die Fragen der ersten Tage, bis man sich an die Klammerhocke gewöhnt hat und den gebückten Gang. Erst dann
türmen sich die wirklichen Probleme auf, die jeder mit sich austrägt: Wohin mit dem Mitteilungsbedürfnis? Dem Wunsch nach Alleinsein? Denn soviel körperliche Nähe
verträgt nicht jeder. Doch es gibt keine Flucht. Vor zu viel Gequatsche, vor Launen anderer, vor den eigenen Launen. Man fühlt sich wie bei einem Laborversuch. Wie
gehen an sich fremde Menschen mit Stress, Enge, Hitze, Krankheit um? Wer genießt, wer redet nur unentwegt vom Genießen? Aber im Grunde ist die Enge schön. Hat
was von wir gegen den Rest der Welt. Abends haut keiner ab. Flaute, noch immer. Dirk steht nur da und starrt auf das Segel. So müssen schon die Seemänner der
Antike den okéanos befahren haben, breitbeinig, den Mund verkniffen, den Blick zum Tuch, gelegentlich an Seilen zuppelnd, ziehend, ruckelnd. Nur gegen den Wind
kreuzen konnten die alten Griechen nicht. Man wartete auf gottgefällige Winde. Das konnte dauern, manchmal jahrelang. Unser Gott hat 25 PS und dröhnt und springt
auf Knopfdruck an. Logbuch, 5. Tag auf See. Die Küste zerklüftet, aquariumsblau das Wasser. Dazu das Licht der griechischen Lande, so samtig und klar, es wetzt den
Geist. Korrigiere meine These: Segeln schärft die Gedanken. Wir gleiten an der nordgriechischen Westküste entlang, ankern in einer namenlosen Bucht. Schwimmen ein
bisschen und schnorcheln und lesen und dösen. Fühlen uns allein auf der Welt, allein in der Zeit. Dass es in Europa noch solche Plätze gibt! Kein Mensch zu sehen, sanft
rollen die Wellen an den Strand. Das Wasser so klar, dass man in zehn Metern Tiefe die über Bord gegangene Brille des Klabautermanns funkeln sehen kann. Und
sogar bergen, wenn man das Schicksal herausfordern will. Plötzlich schlingern Badebomber in die Bucht, stinkende Schaluppen, die Hunderte Leiber ausspucken und
aus Megaphonen schräge Töne, es ist eine Ahnung der Hölle, Hölle, Hölle, bis die Schiffe ihre zappelnde Fracht wieder einsaugen. Zurück bleibt Stille, und wir sind froh,
Segler zu sein und keine Touristen, obwohl wir wissen, was für ein Unsinn das ist. Bei der Anfahrt auf Parga erwischen uns die Fallböen von den Bergen, drängen uns
von der Küste ab. Es ist die Gegend, in der der große Odysseus seinen Schlauch mit den göttlichen Winden öffnete, und einige davon spuken hier noch heute herrenlos
herum. Doch wir schaffen es mit heroischer Arbeit an Winschen und Tampen. Nach uns tuckert Boot um Boot in die Bucht. Neben uns drängelt sich eine Fuhre
Bleichgesichter in die schmale Lücke. Misstrauisch beobachten wir, wie nachlässig diese Dilettanten ihren Anker runterlassen. Ankersalat ist das Schlimmste, hat uns
Dirk gewarnt, dann muss einer an die Ketten und das Ganze entwirren, tonnenschwere Ketten im Wasser entwirren, wie soll das gehen, fragen wir uns, also fürchten
wir Ankersalat wie einen Wirbelsturm, und Dirks Sorgenfalten quer durchs Gesicht beruhigen uns nicht. Aber es geht gut, irgendwie geht es gut. Abends sitzt der Skipp
müde da. Wie immer ist er von der Crew eingeladen, doch ihm fallen über den Tintenfisch-Ringen die Augen zu. Logbuch, 6. Tag auf See, abends. In Mourtos sitzen
Steinhäusler in den Bars. Wir bleiben an Deck, kochen Nudeln. Betrachten die volle Uferpromenade wie durch eine Scheibe. Als trenne uns mehr als nur ein schmales
Holzbrett. Segeln ist ein pathetische Art, Urlaub zu machen. Das Meer, die Strände, die Sonnenuntergänge, alles scheint wie für einen reserviert. Man genügt sich
selbst. Ich schlafe an Deck. Packe meine Matte neben den Mast, nehme mir vor, nicht über Bord zu kullern. Die Luft in der Nacht ist frisch und kühl. Träume, einfach
so davonzusegeln. Mit diesem Boot käme man nach bis nach Indien, mindestens. Müsste man sich nur an der Küste entlang hangeln, um die Südspitze Korfus herum,
hinter Paxos nach steuerbord, und dann zieht sich´s. Sehr früh brennt uns die Sonne wach, der letzte Tag dämmert heran. Nochmal segeln, schnorcheln, lang machen.
Am Abend laufen wir in Korfu-Stadt ein wie Seeräuber, lautlos, atemlos, im winzigen Hafen unter dem mächtigen alten Kastell. Als wir mit Bootsbeinen durch die
Festung wanken, hallen unsere Schritte hohl von den uralten Mauern wider. Das Land schwankt. Dann ertrinken wir im Gewühl der Menschen. Hart ist es, ein
Seemann zu sein.